Redebeitrag der Gruppe »konsensnonsens« zum 99. Todestag Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts

15.01.2018

Jedes Jahr setzt um den 15. Januar eine Wallfahrt nach Berlin ein: ein vager Zusammenschluss verschiedenster Gruppierungen und Einzelpersonen sammelt sich dort in einem Demonstrationszug, der für sich in Anspruch nimmt, die zentrale linke Gedenkveranstaltung anlässlich der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts zu sein. Zwischen Stalin- und Mao-Konterfeis, DDR- und Palästinaflaggen fühlt sich jede noch so kleine linksdogmatische Splittersekte dazu berufen, ihre Anleitung für die Weltrevolution vorzutragen. Wie unvereinbar diese gedankenlose, banale Form des Gedenkens sowie die absurden darin eingebetteten programmatischen Bekenntnisse mit dem Leben und den Überzeugungen der Toten sind, hat Rosa Luxemburg ihrer Zeit selbst beschrieben: »Wenn die Ehrung des Andenkens der Gehenkten zu einem gedankenlosen und marktschreierischen Sport wird, wenn sie zu einer gewöhnlichen Reklame eben für das Geschäft einer bestimmten politischen Gruppe erniedrigt worden ist, ja wenn für diese niedrigen Absichten die eigenen Ideen und die eigenen Taten der Anhänger des ›Proletariat‹, für die sie ins Martyrium gegangen sind, vor dem Antlitz der öffentlichen Meinung rücksichtslos zerstört und verfälscht werden, dann ist es die einfachste Pflicht derjenigen, die dem Geiste ihrer Prinzipien nach in erster Linie die Erben der revolutionären Traditionen des ›Proletariat‹ sind, laut zu protestieren.«

Dagegen konnte man gestern wieder den Jugendwiderstand beobachten, wie er mit Parolen wie »Ruhm und Ehre unseren Gefallenen – Alles für Volk, Klasse und Partei!« durch Berlin zog. Praktisch alles in diesem Ausruf steht dem entgegen, für das die Toten sich aussprachen, derer sie gedenken wollen.

Es wäre vollkommen verfehlt, die damaligen Verhältnisse ohne Weiteres auf die heutigen zu übertragen, in blinder Folgsamkeit Theorien und Traditionen in Stein zu meißeln, die zu einer gänzlich anderen Zeit entstanden sind; denn das hieße, sie zu Ideologien zu verkehren. Schließlich appellierte schon Karl Marx, dass der Kommunismus nicht der Zustand sei, der hergestellt werden soll, kein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten habe. »Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung,«, schreibt er, »welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.« Stattdessen krallen sich viele Linke an vermeintliche Musterformen der kommunistischen Organisation: an den sowjetischen oder den chinesischen Staatssozialismus. Jedweder Kritik verschließen sie sich von vornherein; bisweilen scheint es, als suchten sie Trost in der Erkenntnis, dass es wohl schon einmal funktioniert haben soll. Doch eben diese beschränkte Auffassung von Geschichte, ihre Zensur und Glorifizierung mit dem Zweck der Legitimation des eigenen Handelns, widerspricht grundlegend dem, was Luxemburg und Liebknecht vertraten. Als »Lebenslicht der proletarischen Bewegung« bezeichnete Rosa Luxemburg die Selbstkritik, auch wenn sie noch so schmerzhaft sei.

Bereits früh erkannte sie die Widersprüchlichkeit der russischen Oktoberrevolution von 1917. Auch wenn sie Lenin den Versuch zugute hielt, die Revolution gewagt zu haben und in ihr das »erste Mal in der Geschichte der Klassenkämpfe eine grandiose Verwirklichung der Idee des Massenstreiks« sah, kritisierte sie die bevormundenden Züge darin: die Unterdrückung der Demokratie sowohl außerhalb als auch innerhalb der eigenen Partei. Rosa Luxemburg ging es dabei keinesfalls um die Errichtung einer liberalen Demokratie, als sie den berühmten Satz sagte: »Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden.« Für sie war eine unbeschränkte Demokratie unter ungehemmter Teilnahme der Menschen Ausdruck der Diktatur des Proletariats. Dass schon kurz nach dem Sturz der provisorischen Regierung Parteiinteressen und nationale Überlegungen zum Teil vor die Anliegen der Arbeiterklasse geschoben wurden, erklärte sich Luxemburg auch mit der unübersichtlichen Lage in Europa. Mitten im Chaos des ersten Weltkrieges und bei völligem Versagen des internationalen Proletariats waren die Voraussetzungen für dieses welthistorische Experiment mit der Diktatur der Arbeiterklasse denkbar schlecht. Es ist folglich völlig irrsinnig anzunehmen, alles Folgende, von Lenin bis Stalin, sei unantastbares Heiligtum.

Abseits von Revolutionsromantik und verklärter Ikonenmalerei wollen wir dazu anregen, sich mit dem Leben und Denken der Ermordeten kritisch auseinander zu setzen. Das heißt, sich mit ihren Theorien zu beschäftigen und diese als Hilfsmittel zu benutzen, um reale gesellschaftliche Verhältnisse besser zu verstehen. Denn nur so können wir aus den wertvollen Erfahrungen der Vergangenheit lernen. Wir dürfen jedoch nicht darauf verfallen, die Verhältnisse so beschneiden zu wollen, dass sie auf die Theorien passen. Auch und gerade die Untersuchung des Scheiterns und der Misserfolge sozialistischer Organisation eröffnet die reichhaltigsten Möglichkeiten, bestehende Theorien neu zu interpretieren.

Und dann nimmt auch der Rahmen eines Gedenkens eine andere Bedeutung an. Sicher, wir können uns hier versammeln und gemeinsam der Ermordeten erinnern. Aber die eigenständige Besinnung auf sie, die Beschäftigung mit ihrem Erfahrungsschatz ist ebenso ein Gedenken. Es ist nicht nötig, meist sogar widersinnig, in großem Aufzug durch die Straßen zu ziehen. Zu oft wird diese Form der Erinnerung missbraucht, um abwegige Meinungen kundzutun, zu oft treten Interessen einzelner Gruppen in den Vordergrund. Nur in dem wir uns auf das Denken Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts einlassen, können wir mehr von ihnen wahren als ihre Gesichter. Nur in dem wir von ihnen lernen und sie kritisieren, können wir ihrem Andenken wirklich gerecht werden.