Plädoyer für eine inhaltliche Diskussion statt einer reflexartigen Diffamierung

27.06.2018

Nachdem ein Vortrag von Felix Perrefort mit dem Titel „Islamisierung und antirassistisches Appeasement“ in Mainz von verschiedenen örtlich aktiven Antifagruppen gestört und verunmöglicht wurde, soll dieser Vortrag nun, organisiert von der Hochschulgruppe SPME (Students for Peace in the Middle East), an der Uni Potsdam stattfinden. Die Agitationen gegen Perrefort und die damit einhergehende Kritik verfehlen überwiegend in spektakulärer Weise ihren Gegenstand. Die Publikationen der auserkorenen linken Opposition gingen dabei über verleumderische Reflexe und systematische Verzerrungen seiner Zitate kaum hinaus.

Was wir zu Perreforts Ausarbeitungen und der gegnerischen Rezeption jener denken, soll dieser Text in aller Prägnanz, in essayistischer Form, darstellen. Wir beschränken uns dabei lediglich auf den konkreten Gegenstand des Vortrags.

Wir fordern keine kritiklose Affirmation der islamkritischen Polemiken Perreforts, verteidigen diese jedoch als Vertreter einer marxistischen Denktradition und charakterisieren die personellen Zuschreibungen als „Rassisten“ oder „Rechtspopulisten“, die ihm entgegengebracht worden sind, als völlig unangebracht und undifferenziert. Diese Stigmatisierung ignoriert die diametral entgegengesetzten theoretischen Grundlagen und Geisteshaltungen von linken Islamkritiker*innen und faktischen Rassist*innen, wodurch eine inhaltliche Auseinandersetzung unterbunden wird. Gerade Perrefort hat sich in der Vergangenheit als diskussionsfreudig erwiesen und auf jede Art der Kritik reagiert [1] [2].

Wir werden uns nicht, wie vermutlich erwartet, an den vereinzelten polemisierten Formulierungen seiner Veröffentlichungen abarbeiten, da diese unseres Erachtens nicht wesentlich für seine Politik und Theorie, sondern eher Ausdruck einer typisch stilistischen Überzeichnung sind. Und JA (!), wir kritisieren diese Überzeichnung mit Hinblick auf Zweck und Wirkung bis zu einem gewissen Grad, werden uns jedoch nicht bei der Beurteilung seiner politischen und theoretischen Arbeit auf sie beschränken. Denn modischer Dekonstruktivismus ist nicht das Anliegen unserer Auseinandersetzung.

Die Tatsache, dass Perrefort beispielsweise explizit die AfD kritisiert [3], dass er sich einer innerislamischen Vielfalt natürlich bewusst ist oder dass er sich mit Asylsuchenden, die „hierzulande erneut von ihren unfreiwilligen Glaubensbrüdern terrorisiert werden“ solidarisiert [4], überlesen Kritiker*innen Perreforts bewusst. Man beschränkt sich lieber auf die fragmentarische Bearbeitung von Perreforts Texten und Facebook-Veröffentlichungen und nutzt entkontextualisierte Zitate aus jenen gegen ihn.

Diese Methode soll an dieser Stelle durch einige Zitate des gegnerischen Kollektivs verdeutlicht werden:

„Weiterhin hat er einen Text geschrieben mit dem Titel „Der Sieg über den Islam wird weiblich sein“. Dies impliziert schonmal [sic.], dass es einen Sieg über den Islam geben sollte.An welche Zeiten uns das zurückerinnert, möchten wir an dieser Stelle nicht erwähnen.“ [5]

Die Absurdität des erzwungenen Vergleichs zwischen Perreforts Text und dem Nationalsozialismus ist dem Mainzer Kollektiv durchaus bewusst, deshalb verzichten sie in diesem Abschnitt auf eine klare Artikulation ihrer Gedanken und hüllen sich in einen Mantel des vielsagenden Schweigens. Es istindiskutabel, dass Muslime und Muslima nicht die „neuen Juden und Jüdinnen“ sind und auch dassRassismus und Antisemitismus unterschiedliche Kategorien sind, scheinen leider kontinuierlich nicht alle Teile der sogenannten Linken verstanden zu haben. Die stetige Gleichsetzung von Rassismus und Antisemitismus lässt die Shoah zu einem trivialen Ereignis unter vielen verkommen und die ausführenden Akteure dieser Kategorienvermischung beteiligen sich somit an der Rekonstitution deutscher Ideologie und einer damit einhergehenden Wiedergutwerdung, die verdeckt auf„Schlussstrich“ drängt. Die Singularität der Shoah wird durch solche Aussagen der GutmenschlichenAktion Mainz verwässert und dabei Inkommensurables kommensurabel gemacht. Perrefort eine implizite Nähe zur nationalsozialistischen Barbarei nachzusagen, stellt dabei eine blanke Verleumdung dar.

»Dass viele Muslima das Kopftuch tragen, obwohl sie dafür diskriminiert und angefeindet werden, zeigt, dass sie um ihre Freiheit kämpfen müssen. Die Freiheit, das Kopftuch zu tragen, gegen den Willen der rassistischen Mehrheitsgesellschaft und der rassistischen Institutionen, die immer weniger Frauen mit Kopftüchern tolerieren.« [ebd.]

Die misslungene Bestrebung, auf Biegen und Brechen das Tragen des Kopftuchs als einen Akt einer antirassistischen Praxis zu verklären, zeigt nur ein weiteres Mal auf, inwieweit der universalistische Anspruch dieser Linken verloren gegangen ist. Die gewünschte Religionsfreiheit, die sich die Verteidiger einer Weltreligion vorstellen, wurde erst durch eine harsche Kritik der verschiedenen Glaubenslehren durch die Aufklärung erreicht. Die Akteure verwechseln hier religiös-symbolischen Schein mit einer materiellen Realität und es ist daher nicht verwunderlich, dass sie die Kategorien Rassismus und Religionskritik erneut verwechseln und ineinander werfen. Sama Maani sagt zu dieserkonventionellen Problematik in der Linken folgendes: „Falsche Begriffe wie »Islamophobie« oder»antimuslimischer Rassismus« reproduzieren nun – zum einen – den neuen Rassismus, indem sie den Islam implizit als unabänderliche, quasigenetische Eigenschaft von Menschen aus Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit auffassen. Anders könnte ja die Furcht vor einer Glaubenslehre (»Islamophobie«) oder ihre Ablehnung (»antimuslimisch«) nicht »rassistisch« sein. Zum anderen und darüber hinaus suggerieren diese Begriffe, es gäbe zwischen kritischen, ablehnenden oder auch feindseligen Positionen gegenüber einer Glaubenslehre und dem Rassismus irgendeine denkmögliche Verbindung. Dass also auch Religionskritik rassistisch (sprich unmöglich) sein kann. So wird jene Religionskritik sabotiert, die der Religionsfreiheit zugrunde liegt – und paradoxerweise auch die Religionsfreiheit der Muslime hintertrieben, die die Vertreter dieser Begriffe ja schützen wollen.“ [6].

Die posthistorische Opposition zur Aufklärung verkennt die dialektische Verbindung aus einer realen Möglichkeit zur Schaffung eines wahrhaft menschlichen Zustands und der inhärenten Tendenz zur Regression. Deswegen ist es auch nicht merkwürdig, wenn andere Kritiker*innen Perreforts einerLinken, die an Aufklärung festhalten will, vorwerfen, dass „Rassismus und Kolonialismus“ für sie als die „kleineren Probleme im Prozess der Genesung der westlichen Welt“ erscheinen [7]. Dabei sei nurdarauf verwiesen, dass die Aufklärung die Bedingung der Möglichkeit des Kommunismus ist und eine Kritik des Rassismus und Kolonialismus ohne die erreichte Mündigkeit denkunmöglich ist. Der selbe

Text erhebt die Vorwürfe, dass Perrefort eine „Unterwanderung der BRD durch die Muslimbruderschaft“ behaupten würde und zu „Schilderungen wechselt, welch ekelhafte Lebensweisen europäische Muslime pflegen würden“ [ebd.]. Ein Quellencheck in Perreforts Text „Derislamische Antirassismus“ zeigt hingegen, dass er keine „Unterwanderung der BRD“ behauptet,sondern die Verbindungen vom Zentralrat der Muslime und der Islamischen Gemeinschaft Deutschland zu regressiven islamischen Gruppierungen und Persönlichkeiten analysiert [8]. DieAnschuldigungen, Perrefort würde Muslime als „ekelhaft“ charakterisieren, entspringen aus der Verzerrung eines Zitats von Thomas Mahler, das Perrefort selbst als „besonders drastisches Beispiel“markiert, indem der EMMA-Autor sich mit den Initiativen SOS La Chapelle und Demain La Chapelle über die Zustände in ihrem Viertel im Norden von Paris unterhält [ebd.]. An dieser Stelle sei an die Worte Leo Löwenthals erinnert, der damals bereits erkannte, dass es ein Symptom der Postmoderneist, dass „Realität in einer raffinierten, oft skurrilen Semantik schlechthin geleugnet wird. Realitätleugnen heißt aber … Abwendung von der Realität des Leides der menschlichen und außermenschlichen Kreaturen.“ [9].

Letztendlich offenbaren die Reaktionen auf Perreforts Vortrag erneut die Irrwege linker Strömungen, die aufzeigen, wie bitternötig die Etablierung von Islamkritik und eine Kritik des Antirassismus in linken Zusammenhängen ist. Ob diese nun mit oder ohne den überzeichnenden Charakter Perreforts stattfindet oder ein größerer Fokus auf eine ökonomisch-materialistische Analyse gelegt werden sollte (siehe hierzu: Bassam Tibi [10]), wäre in zukünftigen Debatten zu klären.

Auch vor dem Hintergrund der aktuellen Wahlergebnisse, wie der zunehmenden islamistischen Formierung in der Türkei, gilt es unseren Genoss*innen, die mit ebendiesen Zuständen zu kämpfen haben, den Rücken zu stärken. Dafür benötigt es ein Eingedenken in das Leid der Menschen, deren Apostasie nicht akzeptiert wird und deren Erfüllung des Wunsches nach einem guten Leben, auch durch fehlende Solidarität und Verrat einer europäischen Linken, in weiter Ferne zu sein scheint. Ein falsch verstandener Antirassismus, der die Reaktion und Repression im Namen des politischen Islams toleriert, muss kritisiert werden. Ansonsten verkommen Verteidiger*innen dieser Praxis, zu Advokaten menschenverachtender, totalitärer oder faschistischer Ideologien.

Wir rufen deshalb zum harten Streit und zur zivilisierten Debatte auf, statt zur Störung der Veranstaltungen und zur moralischen Entrüstung über die Thematiken, die den linken Burgfrieden aufbrechen.

Gegen die Einheit, für den Widerspruch!

[1]https://thunderinparadise.org/2018/06/15/ueber-knilche/

[2]https://www.facebook.com/SDHGUP/posts/479362769180591?comment_id=479497105833824& comment_tracking=%7B%22tn%22%3A%22R8%22%7D

[3]https://www.facebook.com/felix.perrefort.75/posts/219627235507361

[4]https://www.facebook.com/events/471213049975313/

[5]https://antifa-mainz.org/wp-content/uploads/2018/05/Informationen-u%CC%88ber-Felix- Perrefort.pdf

[6]https://jungle.world/artikel/2018/13/falsche-begriffe-wie-islamophobie-reproduzieren-den- neuen-rassismus

[7]https://www.facebook.com/SDHGUP/posts/479362769180591