Boycott, Divestment, Sanction (BDS) auf der Fusion 2018

An dieser Stelle wollen wir selber nochmals unsere Gedanken zu der Podiumsdiskussion „Erasure of Narratives of Co-Resistance: The Cultural Boycott of Israel in Germany“, die am 28.06. auf dem Gelände des Fusion Festivals stattfand, äußern.
Mit der Veranstaltung, die vom Berliner Kollektiv „arab underground“ organisiert wurde, sollte auf einem linken Festival für Interesse und eine breitere Akzeptanz für den (kulturellen) Boykott Israels und Organisationen wie „Boycott, Sanction, Divestment“ (BDS) geworben werden. Vielen Menschen ist BDS mittlerweile bekannt, wobei Teile der Linken sie leider als eine Art Friedensbewegung oder „progressive“, pluralistische linke Kraft für den Einsatz für Menschenrechte zu betrachten scheinen [1]. Dabei sollte bei genaueren Betrachten klar werden, dass es sich bei dem angestrebten Boykott Israels lediglich um eine verklausulierte Form des alten „Kauft nicht bei Juden!“ handelt. So ist fraglich, wie beispielsweise das bewusste Auslassen israelischer Städte während einer Tournee (Roger Waters) oder die Verweigerung der Übersetzung eines Buchs ins Hebräische (Alice Walker) sinnvolle Debattenbeiträge zu dieser Konfliktsituation sein sollen [2]. Zudem verdeutlichen sie das Unverständnis sogenannter „Isrealkritiker*innen“ über die Notwendigkeit der Entstehung des Staates Israel, sowie dessen Entwicklung seitdem.
Wichtig ist hierbei zu beachten, dass es sich bei BDS nicht um einen monolithischen Block gleichsam gestrickter Israelhasser handelt, sondern einem Netzwerk unterschiedlichster Gruppen linker, christlicher und islamischer Prägung gleicht, die allesamt das Ziel der Delegitimierung Israels und seine vollkommenen Isolation eint [3].

„Denn die BDS-Kampagnen sind ein fester Bestandteil des Kampfes gegen den jüdischen Staat, der an verschiedenen Fronten und mit verschiedenen Waffen geführt wird: mit Attentaten, Bomben und Raketen im Nahen Osten, mit Boykottaktivitäten in Europa und Nordamerika sowie mit vermeintlich humanitären »Friedensflottillen«, die von europäischen »Antizionisten« und vernichtungswilligen Islamisten gemeinsam ins Werk gesetzt werden. Die Antisemiten teilen sich gewissermaßen die Arbeit, um den militärisch bislang überlegenen Gegner zu Fall zu bringen: Während die einen Israel mit physischer Gewalt zuleibe rücken, treiben die anderen die internationale Dämonisierung und Delegitimierung des Judenstaates voran.“[2].

So fand sich auf dem Podium der eingangs erwähnten Veranstaltung auch keine kritische Stimme zur politischen Praxis des Boykotts (Israels). Dies verwundert jedoch auch nicht, ging es von Anfang an nur darum die persönlichen und finanziellen Schwierigkeiten zu thematisieren, mit denen eine Boykotthaltung der jeweiligen Akteur*innen verbunden sind.

Wenngleich wir die kulturrelativistische Auslegung des Programms der Organisator*innen von „arab underground“ ablehnen, kommen wir nicht umhin auch interessante Veranstaltungen zu erwähnen. So sollte es ein Argumentationstraining gegen Rechts, Berichte zu der Situation in Rojava oder

einen Vortrag zu aktuellen Arbeiten von Menschenrechtsorganisationen in arabischen Ländern geben.
Dieser anregende und positiv zu bedenkende Eindruck verliert allerdings bereits im Einführungstext seine Wirkung. So wird mit Sätzen wie „Western governments play the region like it is a game.“ beispielsweise ein ewig gestriger Deppen-Anti- Imperalismus bedient oder im Ankündigungstext weiterer Veranstaltungen Rassismus zu einer Erfindung westlicher Kolonialisierung gemacht [4]. Weiter heißt es „We stand on the side of those resisting oppression, whatever their color or conviction.“ mit dem Bezug auf die Regionen des Nahen Osten, Nordafrika und „darüber hinaus“ [ebd.]. Ihre überbordende Solidarität aller Unterdrückten schafft es dabei jedoch nicht zu einer nennenswerten Erwähnung der Revolten zum gesellschaftlichen Fortschritt im Iran oder einer Analyse der Situation von Frauen in Saudi-Arabien, Katar, Irak oder oder oder. Lieber wird weiter Israel zum menschenverachtenden Regime erklärt und jegliche Progressivität, die der existiert zur Propaganda erklärt. Also eigentlich alles wie immer.

Unser Highlight des Podiums des arab undergrounds – auf dem Anna-Esther Younes, Mohammad Abu Hajar, Samir Eskanda sowie Maaya Alfassia saßen – war der Moment in dem Anna-Esther Younes in der Diskussionsrunde Samir Eskanda als BDS-Aktivisten in Bezugnahme auf unsere verteilten Flyer fragte, ob es BDS denn wirklich um die Isolation Israels ginge. Dieser konnte leicht verdutzt und überrumpelt nur mit „Ja“ antworten, sodass Anna-Esther Younes ihre Frage einige weitere Male leicht umformuliert stellen musste bis sie Samir Eskanda ihre Deutung des BDS als Gruppe von Menschenrechtsaktivisten in den Mund legen konnte. Das schienen die meisten Zuhörer*innen jedoch gar nicht erst zu bemerken oder überhaupt zu kümmern.

Nein, das ist nicht einmal der Ferienkommunismus. Und richtiger Kommunismus lässt sich damit auch nicht realisieren.

[1] https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26802

[2] https://www.konkret-magazin.de/aktuelles/aus-aktuellem-anlass/aus-aktuellem-anlass-beitrag/items/kauft-nicht-beim-judenstaat.html

[3] https://gruppegeorgelser.wordpress.com/2011/05/

[4] arab* underground station Programmheft zur Fusion 2018