Plädoyer für eine inhaltliche Diskussion statt einer reflexartigen Diffamierung

Nachdem ein Vortrag von Felix Perrefort mit dem Titel „Islamisierung und antirassistisches Appeasement“ in Mainz von verschiedenen örtlich aktiven Antifagruppen gestört und verunmöglicht wurde, soll dieser Vortrag nun, organisiert von der Hochschulgruppe SPME (Students for Peace in the Middle East), an der Uni Potsdam stattfinden. Die Agitationen gegen Perrefort und die damit einhergehende Kritik verfehlen überwiegend in spektakulärer Weise ihren Gegenstand. Die Publikationen der auserkorenen linken Opposition gingen dabei über verleumderische Reflexe und systematische Verzerrungen seiner Zitate kaum hinaus.

Was wir zu Perreforts Ausarbeitungen und der gegnerischen Rezeption jener denken, soll dieser Text in aller Prägnanz, in essayistischer Form, darstellen. Wir beschränken uns dabei lediglich auf den konkreten Gegenstand des Vortrags.

Wir fordern keine kritiklose Affirmation der islamkritischen Polemiken Perreforts, verteidigen diese jedoch als Vertreter einer marxistischen Denktradition und charakterisieren die personellen Zuschreibungen als „Rassisten“ oder „Rechtspopulisten“, die ihm entgegengebracht worden sind, als völlig unangebracht und undifferenziert. Diese Stigmatisierung ignoriert die diametral entgegengesetzten theoretischen Grundlagen und Geisteshaltungen von linken Islamkritiker*innen und faktischen Rassist*innen, wodurch eine inhaltliche Auseinandersetzung unterbunden wird. Gerade Perrefort hat sich in der Vergangenheit als diskussionsfreudig erwiesen und auf jede Art der Kritik reagiert [1] [2].
Wir werden uns nicht, wie vermutlich erwartet, an den vereinzelten polemisierten Formulierungen seiner Veröffentlichungen abarbeiten, da diese unseres Erachtens nicht wesentlich für seine Politik und Theorie, sondern eher Ausdruck einer typisch stilistischen Überzeichnung sind. Und JA (!), wir kritisieren diese Überzeichnung mit Hinblick auf Zweck und Wirkung bis zu einem gewissen Grad, werden uns jedoch nicht bei der Beurteilung seiner politischen und theoretischen Arbeit auf sie beschränken. Denn modischer Dekonstruktivismus ist nicht das Anliegen unserer Auseinandersetzung.

Die Tatsache, dass Perrefort beispielsweise explizit die AfD kritisiert [3], dass er sich einer innerislamischen Vielfalt natürlich bewusst ist oder dass er sich mit Asylsuchenden, die „hierzulande erneut von ihren unfreiwilligen Glaubensbrüdern terrorisiert werden“ solidarisiert [4], überlesen Kritiker*innen Perreforts bewusst. Man beschränkt sich lieber auf die fragmentarische Bearbeitung von Perreforts Texten und Facebook-Veröffentlichungen und nutzt entkontextualisierte Zitate aus jenen gegen ihn.

Diese Methode soll an dieser Stelle durch einige Zitate des gegnerischen Kollektivs verdeutlicht werden:

„Weiterhin hat er einen Text geschrieben mit dem Titel „Der Sieg über den Islam wird
weiblich sein“. Dies impliziert schonmal [sic.], dass es einen Sieg über den Islam geben sollte.
An welche Zeiten uns das zurückerinnert, möchten wir an dieser Stelle nicht erwähnen.“ [5]

Die Absurdität des erzwungenen Vergleichs zwischen Perreforts Text und dem Nationalsozialismus ist dem Mainzer Kollektiv durchaus bewusst, deshalb verzichten sie in diesem Abschnitt auf eine klare Artikulation ihrer Gedanken und hüllen sich in einen Mantel des vielsagenden Schweigens. Es ist indiskutabel, dass Muslime und Muslima nicht die „neuen Juden und Jüdinnen“ sind und auch dass Rassismus und Antisemitismus unterschiedliche Kategorien sind, scheinen leider kontinuierlich nicht alle Teile der sogenannten Linken verstanden zu haben. Die stetige Gleichsetzung von Rassismus und Antisemitismus lässt die Shoah zu einem trivialen Ereignis unter vielen verkommen und die ausführenden Akteure dieser Kategorienvermischung beteiligen sich somit an der Rekonstitution deutscher Ideologie und einer damit einhergehenden Wiedergutwerdung, die verdeckt auf „Schlussstrich“ drängt. Die Singularität der Shoah wird durch solche Aussagen der Gutmenschlichen Aktion Mainz verwässert und dabei Inkommensurables kommensurabel gemacht. Perrefort eine implizite Nähe zur nationalsozialistischen Barbarei nachzusagen, stellt dabei eine blanke Verleumdung dar.

»Dass viele Muslima das Kopftuch tragen, obwohl sie dafür diskriminiert und angefeindet werden, zeigt, dass sie um ihre Freiheit kämpfen müssen. Die Freiheit, das Kopftuch zu tragen, gegen den Willen der rassistischen Mehrheitsgesellschaft und der rassistischen Institutionen, die immer weniger Frauen mit Kopftüchern tolerieren.« [ebd.]

Die misslungene Bestrebung, auf Biegen und Brechen das Tragen des Kopftuchs als einen Akt einer antirassistischen Praxis zu verklären, zeigt nur ein weiteres Mal auf, inwieweit der universalistische Anspruch dieser Linken verloren gegangen ist. Die gewünschte Religionsfreiheit, die sich die Verteidiger einer Weltreligion vorstellen, wurde erst durch eine harsche Kritik der verschiedenen Glaubenslehren durch die Aufklärung erreicht. Die Akteure verwechseln hier religiös-symbolischen Schein mit einer materiellen Realität und es ist daher nicht verwunderlich, dass sie die Kategorien Rassismus und Religionskritik erneut verwechseln und ineinander werfen. Sama Maani sagt zu dieser konventionellen Problematik in der Linken folgendes: „Falsche Begriffe wie »Islamophobie« oder »antimuslimischer Rassismus« reproduzieren nun – zum einen – den neuen Rassismus, indem sie den Islam implizit als unabänderliche, quasigenetische Eigenschaft von Menschen aus Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit auffassen. Anders könnte ja die Furcht vor einer Glaubenslehre (»Islamophobie«) oder ihre Ablehnung (»antimuslimisch«) nicht »rassistisch« sein. Zum anderen und darüber hinaus suggerieren diese Begriffe, es gäbe zwischen kritischen, ablehnenden oder auch feindseligen Positionen gegenüber einer Glaubenslehre und dem Rassismus irgendeine denkmögliche Verbindung. Dass also auch Religionskritik rassistisch (sprich unmöglich) sein kann. So wird jene Religionskritik sabotiert, die der Religionsfreiheit zugrunde liegt – und paradoxerweise auch die Religionsfreiheit der Muslime hintertrieben, die die Vertreter dieser Begriffe ja schützen wollen.“ [6].

Die posthistorische Opposition zur Aufklärung verkennt die dialektische Verbindung aus einer realen Möglichkeit zur Schaffung eines wahrhaft menschlichen Zustands und der inhärenten Tendenz zur Regression. Deswegen ist es auch nicht merkwürdig, wenn andere Kritiker*innen Perreforts einer Linken, die an Aufklärung festhalten will, vorwerfen, dass „Rassismus und Kolonialismus“ für sie als die „kleineren Probleme im Prozess der Genesung der westlichen Welt“ erscheinen [7]. Dabei sei nur darauf verwiesen, dass die Aufklärung die Bedingung der Möglichkeit des Kommunismus ist und eine Kritik des Rassismus und Kolonialismus ohne die erreichte Mündigkeit denkunmöglich ist. Der selbe Text erhebt die Vorwürfe, dass Perrefort eine „Unterwanderung der BRD durch die Muslimbruderschaft“ behaupten würde und zu „Schilderungen wechselt, welch ekelhafte Lebensweisen europäische Muslime pflegen würden“ [ebd.]. Ein Quellencheck in Perreforts Text „Der islamische Antirassismus“ zeigt hingegen, dass er keine „Unterwanderung der BRD“ behauptet, sondern die Verbindungen vom Zentralrat der Muslime und der Islamischen Gemeinschaft Deutschland zu regressiven islamischen Gruppierungen und Persönlichkeiten analysiert [8]. Die Anschuldigungen, Perrefort würde Muslime als „ekelhaft“ charakterisieren, entspringen aus der Verzerrung eines Zitats von Thomas Mahler, das Perrefort selbst als „besonders drastisches Beispiel“ markiert, indem der EMMA-Autor sich mit den Initiativen SOS La Chapelle und Demain La Chapelle über die Zustände in ihrem Viertel im Norden von Paris unterhält [ebd.]. An dieser Stelle sei an die Worte Leo Löwenthals erinnert, der damals bereits erkannte, dass es ein Symptom der Postmoderne ist, dass „Realität in einer raffinierten, oft skurrilen Semantik schlechthin geleugnet wird. Realität leugnen heißt aber … Abwendung von der Realität des Leides der menschlichen und außermenschlichen Kreaturen.“ [9].

Letztendlich offenbaren die Reaktionen auf Perreforts Vortrag erneut die Irrwege linker Strömungen, die aufzeigen, wie bitternötig die Etablierung von Islamkritik und eine Kritik des Antirassismus in linken Zusammenhängen ist. Ob diese nun mit oder ohne den überzeichnenden Charakter Perreforts stattfindet oder ein größerer Fokus auf eine ökonomisch-materialistische Analyse gelegt werden sollte (siehe hierzu: Bassam Tibi [10]), wäre in zukünftigen Debatten zu klären.

Auch vor dem Hintergrund der aktuellen Wahlergebnisse, wie der zunehmenden islamistischen Formierung in der Türkei, gilt es unseren Genoss*innen, die mit ebendiesen Zuständen zu kämpfen haben, den Rücken zu stärken. Dafür benötigt es ein Eingedenken in das Leid der Menschen, deren Apostasie nicht akzeptiert wird und deren Erfüllung des Wunsches nach einem guten Leben, auch durch fehlende Solidarität und Verrat einer europäischen Linken, in weiter Ferne zu sein scheint. Ein falsch verstandener Antirassismus, der die Reaktion und Repression im Namen des politischen Islams toleriert, muss kritisiert werden. Ansonsten verkommen Verteidiger*innen dieser Praxis, zu Advokaten menschenverachtender, totalitärer oder faschistischer Ideologien.

Wir rufen deshalb zum harten Streit und zur zivilisierten Debatte auf, statt zur Störung der Veranstaltungen und zur moralischen Entrüstung über die Thematiken, die den linken Burgfrieden aufbrechen.

Gegen die Einheit, für den Widerspruch!

[1]https://thunderinparadise.org/2018/06/15/ueber-knilche/
[2]https://www.facebook.com/SDHGUP/posts/479362769180591?comment_id=479497105833824&comment_tracking=%7B%22tn%22%3A%22R8%22%7D
[3] https://www.facebook.com/felix.perrefort.75/posts/219627235507361
[4]https://www.facebook.com/events/471213049975313/
[5]https://antifa-mainz.org/wp-content/uploads/2018/05/Informationen-u%CC%88ber-Felix-Perrefort.pdf
[6]https://jungle.world/artikel/2018/13/falsche-begriffe-wie-islamophobie-reproduzieren-den-neuen-rassismus
[7]https://www.facebook.com/SDHGUP/posts/479362769180591
[8]https://www.degruyter.com/downloadpdf/j/zksp.2018.5.issue-1/zksp-2018-0004/zksp-2018-0004.pdf S. 53-54
[9] Leo Löwenthal: Rede anläßlich der Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises am 1. Oktober 1989. In: Untergang der Dämonologien. Studien über Judentum, Antisemitismus und faschistischen Geist. Leipzig 1990, S. 7.
[10] Die Krise des modernen Islam. Eine vorindustrielle Kultur im wissenschaftlich-technischen Zeitalter. München, 1981: C. H. Beck. ISBN 3-518-28489-4.

2 Antworten auf „Plädoyer für eine inhaltliche Diskussion statt einer reflexartigen Diffamierung“

  1. Hallo Konsensnonsens,

    vielleicht ist eine Ergänzung noch wichtig. Felix Perrefort publiziert als Gastautor auch mit anderen, wie ihr sie nennt „Vertreter[n] einer marxistischen Denktradition“ auf der Seite achse des guten (https://www.achgut.com):
    Henryk M. Broder, Thilo Sarrazin, Vera Lengsfeld, um nur die bekanntesten zu nennen.
    Vielleicht kommt ja daher der Verdacht auf, dass Herr Perrefort neben der marxistischen noch andere Denktraditionen pflegt.
    Sehr zu empfehlen ist da sein Text (auf oben genannter Seite) „Deutschland Eiskalt“. Ein wahres Meisterwerk, wenn es um das Verstehen und Aufdecken gesellschaftlicher Zusammenhänge geht.
    Mag ja sein, dass die Kritik an Perrefort bisher eher dürftig ausfällt und eine in weiten Teilen unreflektierte Linke Probleme in der Auseinandersetzung mit Religion hat.
    Das erklärt aber noch nicht euer Bedürfnis sich mit Perrefort und seinen neurechten Kamerad_innen gemein zu machen. Diesen dann noch als Marxisten zu bezeichnen ist ein trauriger Versuch Inkommensurables kommensurabel zu machen. Die geistigen Ergüsse eines Perrefort haben mit der KdPÖ von Marx soviel gemeinsam wie Kuhpisse mit einem französischem Rotwein.
    Ich würde mich freuen zukünftig eigene Analysen der gesellschaftlichen Verhältnisse von euch zu lesen.
    Und in der besten aller Welten auch noch welche, die sich klar von dem KenFM-Niveau eines Perreforts abheben und neben der fröhlichen Ideologiekritik eurerseits auch mal die Formen der gesellschaftlichen Arbeit in den Mittelpunkt rücken…

  2. Hallo KonsensNonsens,
    ich habe gerade etwas Zeit gefunden für eine Explikation meiner Kritik an Felix Perrefort am Beispiel seines Texte „Deutschland Eiskalt“( http://www.achgut.com/artikel/deutschland_eiskalt , ihr erinnert euch sicher, das war der Block mit den vielen anderen „Marxist_innen) und eurer Stellungnahme zum Auftritt des Autors an der Uni Potsdam.
    Ich verstehe diese Auseinandersetzung mit dem Text von Perrefort nicht als Dekonstruktion sondern als immanente Kritik und somit ganz im Sinne einer kritischen Theorie der Gesellschaft als Aufklärung.
    Doch nicht nur der Positivismus und die abgeschmackte Kartoffeligkeit eines Perrefort sollen damit zur Diskussion stehen sondern eure eigene mehr oder weniger gut versteckte Apologie der Perrefortschen Thesen.

    Diese führt ihr ja dankenswerter Weise gleich am Anfang mit dem Satz: „Wir werden uns nicht, wie vermutlich erwartet, an den vereinzelten polemisierten Formulierungen seiner Veröffentlichungen abarbeiten, da diese unseres Erachtens nicht wesentlich für seine Politik und Theorie, sondern eher Ausdruck einer typisch stilistischen Überzeichnung sind.“ (KN, 27.6.2018) ein. Wie können die Veröffentlichungen ob nun polemisch oder nicht, nicht wesentlich sein für die Politik und Theorie eines Autors? Da beginnt ihr die Entschuldigung ja schon vor der Analyse. Damit ist ja jegliche Auseinandersetzung mit den Texten von Perrefort schon desavouiert. Vielleicht wäre es da angebrachter gemeinsam über das Aussehen des Autors zu philosophieren oder die Auswahl seiner Schuhe. Da bekommt ja euer Vorwurf an diese „Linke“ gleich ein ganz anderes Geschmäckle. Wenn man wir ihr zum „ harten Streit und zur zivilisierten Debatte auf[ruft]“ ist dafür ja wohl eine Auseinandersetzung mit den geistigen Ergüssen des Autors unerlässlich.
    Euer eigentliches Argument für den hanebüchenden Unsinn den Perrefort bisweilen verzapft ist aber das Argument der stilistischen Überzeichnung.
    Dazu mal ein passendes Zitat aus dem Text von Perrefort: „Niemandem gelang es besser, diese Paradoxie, die Wiedergutwerdung der Deutschen an den Flüchtlingen, besser auf den Punkt zu bringen als Karl Lagerfeld. „Wir können nicht Millionen Juden töten und Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen.” Wer dieser trivialen Aussage nicht zustimmen kann, der ist offenbar bereit, zwecks Aufnahme von Menschen in Millionenhöhe, die nur zum Teil tatsächlich verfolgt werden und denen zum größten Teil auch anders geholfen werden könnte – all dies könnte man mittlerweile wissen –, die Möglichkeit jüdischen Lebens dort preiszugeben, wo es einmal fast ausgelöscht wurde.“ (Perrefort, 14.12.17)
    Ich halte diese und andere noch folgende Textstellen nicht für überzeichnet. Mir kommt an dieser Stelle eher das Wort Zynismus in den Sinn. Nicht nur, dass Herr Perrefort sich hier selbst als Experte für Fluchtursachen aufspielt, nein hier wird auch ein Experte für Gesellschaftstheorie zitiert, König Karl Lagerfeld. Und dieser schafft es doch tatsächlich die Shoa, die ihr zu Recht als „Singularität“ kennzeichnet mit der Ankunft von Geflüchteten (die Herr Perrefort wahrscheinlich alle persönlich kennt) gleichzusetzen. „Wir“ („Wer ist wir? Ich nicht.“ Gerhard Polt), haben zur Jugendzeit eines Karl Lagerfeld auch den Überlebenden von Verfolgung und Vernichtung zugemutet mit den Tätern Tür an Tür zu wohnen, diese in bundesrepublikanische Würden zu heben und üppige Renten zu bezahlen. Aber jetzt, wo Menschen aus dem Nahen Osten kommen, da ist aber mal Schluss mit der Zumutung für die Juden. Der aufmerksame Alman merkt nämlich wenns auch mal gut sein muss. Entweder im Anblick eines alliierten Gewehrs ins seinem Kartoffelgesicht oder halt wenn sich der Araber auf den Weg macht nach Europa.
    Perrefort klärt nicht auf, er schürt das Ressentiment. Ist ja schön wenn er Adorno zitiert, doch das macht ihn nicht zum kritischen Theoretiker, wenn er an andere Stelle eben auf unterstem Ken-FM-Niveau schreibt: „Dass Weltoffenheit und Vielfältigkeit nur die ideologischen Schlagworte sind, mit welchen die Kritik an solchen Zuständen als Fremdenfeindlichkeit denunziert werden soll, dürfte mittlerweile genauso ersichtlich sein, wie das „Willkommenskultur“ geheißene Destruktionspotenzial einer an seiner nationalsozialistischen Vergangenheit erkrankten Gesellschaft, welches beispielsweise darin zum Ausdruck kommt, dass von der polizeilichen Kriminalstatistik empirisch belegten Gewaltkriminalität seitens der Zuwanderer geflissentlich geschwiegen wird.“ (Perrefort, 14.12.17)
    Ja, Ja, diese „Lügenpresse“. In welchem Land lebt Perrefort denn? Es gab in den letzten Jahren keine Stunde in der nicht die vermeintliche, herbeiphantasierte oder auch tatsächlich vorkommende Regelverletzung von Geflüchteten thematisiert wurde. Auf höchstem journalistischem Niveau wurde und wird sich in allen Medien das Maul darüber zerrissen, wann und wo welcher „Ausländer“, „Asylant“ usw. mal wieder gegen deutsches Recht verstoßen hat und das nicht einmal mehr im Konjunktiv. Das „in dubio pro reo“ gilt halt nur für Kartoffeln. Und da gibt’s gewaltige Unterschiede. Macht der Deutsche was falsch muss er halt in den Knast, macht der Migrant dasselbe, dann sind alle dran Schuld und die müssen aber ganz schnell raus!
    Doch der Zynismus des Autors beginnt schon im ersten Satz: „ „Kaltland”, wie es in linken Kreisen schallte, ist in der Tat ein triftiger Begriff. Jene Linken wollten mit ihm lediglich etwas anderes bezeichnet wissen, als sie sich 2015 anschickten, damit die staatlich eingeleitete Willkommenskultur gegen Islamkritiker und Masseneinwanderungsskeptiker zivilgesellschaftlich zu flankieren.“ (Perrefort, 14.12.17)
    Dieser Begriff nahm Bezug 2015 auf die hunderten Brandanschläge auf Geflüchtetenunterkünfte, Gewalt gegen Migranten, Linke u.a. Es gab kaum ein Tag an dem nicht stolze Germanen versuchten ihnen nicht Genehme zu vertreiben, zu verletzen oder umzubringen. Wenn die schon nicht brav im Mittelmeer ersaufen musste [M]an[n] halt selber ran an den Feind. „Kaltland“ ist keine „zivilgesellschaftliche Flankierung“ einer staatlichen Politik sondern eben die Kritik daran. Die Kritik an den deutschen Zuständen, die Kritik am staatlichen Rassismus, an der „Das Boot ist voll“-Mentalität der verkackten Deutschen.
    Perrefort wirft der Linken vor antisemitische Angriffe zu übersehen, gutzuheißen oder zu leugnen. Da mag er leider an manchen Stellen Recht haben. Nur ist es eben ein Armutszeugnis, dass ihm diese Feststellung nur unter eben der Auslassung der rassistischen Ausschreitungen in den letzten Jahren gelingt.
    Das ist auch ein roter Faden, der sich durch den Text von Perrefort zieht. Anstatt islamistische Gewalt, ihre materiellen Ursachen, die sozialen Strukturen oder wenigstens die historische Spezifik des islamistischen Antisemitismus aufzuklären (und das wäre sicherlich auch wichtig für eine gesellschaftliche Linke, dies wird ihr zu Recht als ein Schwachpunkt angeprangert) verallgemeinert Perrefort weiter das Vorurteil.
    Der Hinweis von Perrefort nach dem Anschlägen am Breitscheidplatz in Berlin, dass „[e]in Grund für diese Kälte nicht zuletzt im Tabu [besteht], unter dem der Islam steht,“ (Perrefort, 14.12.17) ist an Ignoranz und Dreistigkeit kaum noch zu überbieten. Von was redet der Mann??? Welches Tabu??? Noch mehr Thematisierung des Islam ließe sich nicht mal mit dem Abwerfen von Flugblättern über deutschen Großstädten herbeiführen.
    Doch Perrefort macht weiter im Text: „Auf die Frage, warum Deutschland moralisch verpflichtet sei, derart viele Flüchtlinge aufzunehmen, erhält er immer wieder dieselbe Antwort: Dies sei „wegen der Geschichte“. In diesem Sinne gilt „Wehret den Anfängen“ nun nicht etwa als Aufforderung zur kritischen Intervention gegen den endemisch verbreiteten Antisemitismus unter Muslimen, den Generationen von deutschen Arabern und Türken nicht abgelegt haben, und der nun empirische Verstärkung in Millionenhöhe erhält, sondern irrsinniger Weise gerade als die Verhinderung dieser Intervention.“ (Perrefort, 14.12.17)
    Damit steht Perrefort genau quer zu dem Vertreter der kritischen Theorie: „Dialektik entfaltet die vom Allgemeinen diktierte Differenz des Besonderen vom Allgemeinen. […] Sie gäbe das Nichtidentische frei.“ (Adorno, Negative Dialektik, S.18) Er hingegen schließt in guter positivistischer Manier vom Besonderen auf das Allgemeine. Nicht einige sind antisemitisch sondern alle!
    Gerade euer eigener Anspruch an kritische Theorie, den ihr ja durch zwei gute Vorträge in Potsdam expliziert habt, wird doch in dem Text von Perrefort mit Füßen getreten. Da wird nichts Unbewusstes aufgeklärt, keine Vermittlung erläutert und keine Erkenntnis gewonnen.
    Und auch ihr werdet diesem Anspruch eurer Kritik an Religion nicht gerecht. Anstatt die Ursachen für einen um sich greifenden modernen Islamismus und Antisemitismus auch in der kapitalistischen Vergesellschaftung zu verstehen, wird der Anspruch von Religionskritik postuliert. Aber Religion steht eben nicht für sich. Sie ist eben immer auch ein Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Oder wie Marx es ausdrückte „Verdient die Bildungsgeschichte der produktiven Organe des Gesellschaftsmenschen, der materiellen Basis jeder besonderen Gesellschaftsorganisation, nicht die gleiche Aufmerksamkeit? Und wäre sie nicht leichter zu liefern, da, wie Vico sagt, die Menschengeschichte sich dadurch von der der Naturgeschichte unterscheidet, daß wir die eine gemacht und die andere nicht gemacht haben? Die Technologie enthüllt das aktive Verhalten der Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozess seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen. Selbst alle Religionsgeschichte, die von dieser materiellen Basis abstrahiert ist – unkritisch. Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln“ (MEW 23, Fußnote 89, S.392-393)
    Nicht die „harsche Kritik“ hat „die gewünschte Religionsfreiheit, die sich die Verteidiger einer Weltreligion vorstellen[…] erreicht. Ihr „verwechsel[t] hier […] symbolischen Schein mit einer materiellen Realität […]“.
    Als ob sich religiöse Eiferer und sonstige Abergläubige von „harscher Kritik“ hätten beeindrucken lassen. Ein ums andere Mal sind diese Kritiker_innen auf den Scheiterhaufen geflogen.
    Marx und Engels haben es im Kommunistischen Manifest auf den Punkt gebracht: „Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt. Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt. (MEW 4, S. 464-465).
    Es ist purer Idealismus anzunehmen die Aufklärung und ihre Kritik, nicht etwa die veränderten Formen der gesellschaftlichen Arbeit (und damit das Verhalten der Menschen zueinander und zur Natur), hätten die Religion in weiteren Teilen der Welt von der Erklärung der Wirklichkeit in den Privatbereich der Gläubigen verdammt.
    Daher ist auch nicht einzusehen, warum „ die Aufklärung die Bedingung der Möglichkeit des Kommunismus ist und eine Kritik des Rassismus und Kolonialismus ohne die erreichte Mündigkeit denkunmöglich ist“. Die NS-Barbarei konnte auch trotz der Aufklärung (oder auch wegen dieser?) existieren. Somit genügt eben nicht nur eine theoretische Reflektion und Kritik sondern eben auch die wirkliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. (1,2,3,4 und 11. Thesen ,ad Feuerbach‘, MEW 3, S.5-7).
    Weiter fährt Perrefort in gewohnter positivistischer Manier fort: “ Davon will jedoch nichts wissen, wer die Wiederkehr nationalsozialistischer Vergangenheit, welche sich in verwandelter Form im Dschihad ankündigt, nur bei den Einheimischen und auch dort nur in massiv übertriebener, um nicht zu sagen falscher Weise erkennen kann. „Offenbar wollen knapp 13 Prozent im Land einen völkischen Ungeist wieder auferstehen sehen, der Auschwitz erst möglich gemacht hat“ (5), hieß es zur letzten Bundestagswahl beim Magazin „Monitor“, so als hätte die AfD als Nachfolgepartei der NSDAP die Juden zu unserem Unglück erklärt. Nachdem dieser Ungeist in den vergangenen Tagen von Moslems nicht nur auf die Straßen gebracht wurde, sondern auch in die Facebook-Kommentarspalten, wo nicht wenige Hitler verherrlichten und sich die Vernichtung der Juden wünschten, fallen die öffentlich-rechtlichen Gesellschaftskritiker diesbezüglich nur durch Schweigen auf – als könnte man nicht das Elend in Flüchtlingsunterkünften und zugleich Zustände thematisieren, in denen es lebensgefährlich wird, sich als Jude offen zu erkennen zu geben.“ (Perrefort, 14.12.17)
    Die Nazis sind nämlich nicht so schlimm. Wenn erst kürzlich in Dortmund wieder Juden von Nazis zusammengeschlagen und durch die Stadt gejagt wurden und sich nicht einmal mehr trauen öffentliche Veranstaltungen anzumelden oder in Berliner Eliteschulen jüdischer Schüler drangsaliert werden liegt das wahrscheinlich auch an FRAU MERKEL. Und wieder die Medien, die alles verheimlichen. Daher haben die Menschen von den Übergriffen von Migranten auf Juden auch nur über geheime Morsezeichen erfahren.
    Am abgeschmacktesten erscheint vor allem die Kritik von Perrefort an der politischen Linken die ihr gleich noch zu einer „europäischen Linken“ aufbauscht. Wer soll das sein? Eine marginalisierte Außerparlamentarische Opposition, die nach besten Kräften Geflüchtete unterstützt, Solidarität mit Rojava praktiziert und auch noch versucht dem Naziscum Einhalt zu gebieten. Wirklich jetzt? Dann wäre eure Kritik zu spezifizieren. Wie ihr wisst gibt es ja auch nicht „die“ Antifa. Also welche Gruppe, Strömung oder ähnliches meint ihr, die so wirkmächtig ist, dass sie durch den Entzug ihrer Solidarität dem Islamismus Vorschub leistet? Oder arbeitet ihr euch an den Verfallserscheinungen sozialdemokratischer Parteien grüner und roter Couleur ab, beides erscheint mir im Hinblick auf ihre Bedeutungslosigkeit wenig zielführend. Zumal nicht eine wie auch immer geartete Linke im Nahen Osten wahhabitische Monarchien, Erdogans Türkei oder andere Henker und Schlächter militärisch aufgerüstet hat und wirtschaftlich hofiert. Dies konnten und können nur militärische Großmächte wie etwa Rußland, die USA u.a. Somit bleibt nur noch das Nachtreten und ein herablassender Gestus auf eine Linke die gerade als gesellschaftliche Größe kaum existent ist. Doch noch seid auch ihr Teil dieser Linken oder tragt zumindest den Anspruch vor euch her. Somit wäre eine Kritik an der Linken immer auch Selbstkritik. Ich hoffe, dass ich mit meiner Kritik etwas dazu beitragen konnte, so wie auch ihr mich zur Auseinandersetzung mit eigenen Gewissheiten angeregt habt.
    Enden möchte ich mit einem längeren Zitat von Gerhard Stapelfeldt aus seinem neuen Buch „Über Antisemitismus –Zur Dialektik der Gegenaufklärung“. Er schreibt dort im Vorwort: „ Bei Vorträgen über den Antisemitismus im nationalsozialistischem Deutschland und über den gegenwärtigen Antisemitismus wird alsbald über den Antisemitismus im Islam gesprochen – nicht von Mitgliedern der ,Alternative für Deutschland‘, sondern von Menschen, die nach ihrem Selbstverständnis ,links‘ und Vertreter der Kritischen Theorie der Gesellschaft sind: Scheinbar unvermittelt wird nicht über die „Barbarei“ von Auschwitz, sondern über die Judenfeindlichkeit des islamistischen Terrors gesprochen. Freuds Einsicht, dass der aufklärende Analytiker den Patienten nur so weiter über sein unbewusstes Leben aufklären könne, wie er selbst aufgeklärt sei, ist zu übertragen: Der islamistische Antisemitismus kann nur so weit aufgeklärt werden, wie der Antisemitismus im nationalsozialistischen und gegenwärtigen Deutschland aufgeklärt ist- dies Triviale wird souverän übergangen. Jene Kritiker des islamistischen Antisemitismus, die beanspruchen, Kritiker der bestehenden Verhältnisse zu sein, müssen diese unvermittelt zum Reich der Vernunft-Freiheit verklären, um den Anspruch halten zu können, den Antisemitismus der Anderen zu begreifen. – Nicht allein im herrschenden Gemeinbewusstsein, sondern auch im ,linken‘ Dogmatismus, der die kritische Theorie zu einer überhistorisch wahren Einsicht in überhistorische Formen gesellschaftlicher Repression fetischisiert und dadurch einer Regression des Hörens und Lesens unterliegt, überleben die Strukturen des antisemitischen Vorurteils.“ (GS, 2018)
    Am Ende noch ein Link von einer weiteren kurzen Auseinandersetzung mit Perrefort. Die bringt es ebenfalls auf den Punkt:
    http://nichtidentisches.de/2017/12/hauptsache-nicht-gutgeworden/

    P.S.: Würde mich freuen wenn ihr die geübte Kritik an euch diskutiert und eventuelle Ergebnisse irgendwie transparent macht. Gerne auch per mail…

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